Der norwegische Staatsfonds: Was Anleger vom grössten Staatsfonds der Welt lernen können
- Flurin Bleisch

- 28. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Der norwegische Staatsfonds verwaltet die Einnahmen aus Norwegens Öl- und Gasgeschäft. Das Ziel: Der Rohstoffreichtum soll nicht nur der heutigen Generation zugutekommen, sondern langfristig auch künftigen Generationen dienen. Pro Norweger befinden sich aktuell umgerechnet rund 300'000 Franken im Fonds. Wir zeigen dir, was du vom norwegischen Staatsfonds für deine Anlagestrategie lernen kannst.

Warum Norwegen den Staatsfonds gegründet hat
Norwegen verfügt über grosse Öl- und Gasvorkommen. Statt die daraus resultierenden Einnahmen vollständig auszugeben, entschied sich das Land für einen langfristigeren Weg. Die Einnahmen werden in den Staatsfonds überführt und weltweit investiert. Dadurch soll verhindert werden, dass der Staatshaushalt zu stark von schwankenden Rohstoffpreisen abhängig ist. Der Fonds erfüllt damit mehrere Funktionen gleichzeitig. Er ist ein Sparvehikel für kommende Generationen, ein Stabilisator für die öffentlichen Finanzen und ein Instrument, um den nationalen Reichtum gewinnbringend breit über die globale Wirtschaft zu investieren.
Die Grundidee
Das zentrale Prinzip des norwegischen Staatsfonds ist erstaunlich einfach: Er investiert sehr breit gestreut in Aktien, Anleihen, Immobilien und Infrastruktur. Der Fonds versucht nicht, mit konzentrierten Wetten auf einzelne Branchen oder Länder eine Outperformance zu erreichen. Vielmehr partizipiert er breitgefächert an der globalen Wertschöpfung. Die Allokation liegt bei ungefähr 70 Prozent Aktien und 30 Prozent festverzinslichen Anlagen. Zusätzlich darf ein kleiner Teil in nicht kotierte Immobilien und erneuerbare Infrastruktur investiert werden.
Genau darin liegt die wichtigste Lektion für Privatanleger: Man kann nicht den nächsten Börsengewinner kennen. Viel entscheidender ist es, systematisch, langfristig und global diversifiziert investiert zu sein.
Der Motor des Fonds
Der wichtigste Renditetreiber des norwegischen Staatsfonds sind globale Aktien. Der Fonds ist an Tausenden von börsenkotierten Unternehmen beteiligt. Er besitzt Anteile an grossen Konzernen aus den USA, Europa, Asien und anderen Regionen. Wer den norwegischen Staatsfonds nachbauen möchte, braucht in erster Linie einen sehr breit gestreuten globalen Aktien-ETF. Dieser sollte möglichst viele Länder, Branchen und Unternehmen abdecken.
Stabilität und Risikopuffer
Der zweite grosse Baustein des Fonds sind Anleihen. Sie machen rund ein Viertel bis knapp ein Drittel des Portfolios aus. Anleihen liefern normalerweise geringere Renditen als Aktien, können aber das Gesamtrisiko reduzieren. Auch wenn Anleihen selbst nicht risikolos sind, können sie in schwachen Aktienphasen stabilisierend wirken.
Für Schweizer Anleger ist bei Anleihen das Währungsrisiko zu beachten. Globale Anleihen in US-Dollar, Euro, Yen oder anderen Währungen können aus Schweizer Sicht stark schwanken, wenn sie nicht währungsgesichert sind. Deshalb kann ein CHF-gehedgter globaler Anleihen-ETF sinnvoll sein.
Immobilien und Infrastruktur
Der norwegische Staatsfonds investiert auch in nicht kotierte Immobilien und erneuerbare Infrastruktur. Für Privatanleger sind diese Anlageklassen schwieriger abzubilden, da Investitionen in physische Immobilien für viele Anleger aufgrund der hohen Immobilienpreise nicht möglich sind oder nach dem Immobilienkauf nicht mehr viel Kapital für andere Anlageklassen übrig ist und die Immobilie somit ein Klumpenrisiko darstellt. Man kann die Anlageklasse Immobilien alternativ auch über börsenkotierte Immobilienaktien abbilden. Man sollte aber beachten, dass auch die Kurse von Immobilien-ETFs stark schwanken können.
Was Privatanleger vom norwegischen Staatsfonds lernen können
Der norwegische Staatsfonds zeigt exemplarisch, dass ein Depot nicht kompliziert sein muss. Der Fonds hat eine klare strategische Aufteilung, investiert weltweit, langfristig und lässt sich nicht von kurzfristigen Marktschwankungen aus der Ruhe bringen.
Auch Privatanleger können sich bereits mit wenigen ETFs ein Depot erstellen, das der Grundidee des norwegischen Staatsfonds sehr nahe kommt. Ein privates ETF-Depot kann den norwegischen Staatsfonds aber nur annähernd nachbilden. Der Staatsfonds hat Zugang zu Direktinvestitionen in Immobilien, Infrastrukturprojekten und institutionellen Mandaten. Zudem kann er mit einer extrem langfristigen Perspektive investieren und hat andere steuerliche, regulatorische und politische Rahmenbedingungen als ein Privatanleger.
Für wen eignet sich ein Staatsfonds-ähnliches ETF-Depot?
Ein Depot mit rund 70 Prozent Aktien und 30 Prozent Anleihen eignet sich vor allem für Anleger mit langfristigem Anlagehorizont, die Kursschwankungen aushalten können, aber nicht zu 100 Prozent in Aktien investiert sein möchten. Der Aktienanteil bleibt hoch, deshalb sind zwischenzeitliche Verluste von 20, 30 oder mehr Prozent möglich. Der Anleihenanteil kann solche Rückgänge abfedern, aber nicht verhindern.
Für sehr junge Anleger mit hoher Risikofähigkeit kann auch ein höherer Aktienanteil sinnvoll sein. Für Anleger kurz vor der Pensionierung oder mit geringer Risikotoleranz kann ein tieferer Aktienanteil besser passen. Die 70/30-Struktur des norwegischen Staatsfonds ist daher kein Muss, sondern ein guter Ausgangspunkt.
Für den Aktienanteil eignen sich besonders breit gestreute Welt-ETFs. Am einfachsten ist ein ETF auf den FTSE All-World oder MSCI ACWI, weil darin Industrie- und Schwellenländer kombiniert sind. Für den Anleihenanteil eignet sich ein globaler Investment-Grade-Anleihen-ETF. Für Anleger in der Schweiz ist eine CHF-gehedgte Variante oft naheliegend, weil Anleihen im Depot vor allem Stabilität bringen sollen. Ein grosses Fremdwährungsrisiko kann diesen Stabilitätseffekt reduzieren. Für Immobilien kann optional ein globaler REIT-ETF ergänzt werden. Dieser Baustein ist aber nicht zwingend notwendig, weil Immobilienaktien bereits in vielen globalen Aktienindizes enthalten sind und der Immobilienanteil im norwegischen Staatsfonds relativ klein ist.
Rebalancing nicht vergessen
Ein wichtiger Punkt bei einem solchen Depot ist das Rebalancing. Wenn Aktien über mehrere Jahre stark steigen, kann aus einem 70/30-Depot schnell ein 80/20-Depot werden. Umgekehrt kann nach einem Börsencrash der Aktienanteil deutlich sinken. Rebalancing bedeutet, das Depot regelmässig wieder auf die Zielstruktur zurückzuführen. Das kann einmal pro Jahr geschehen oder wenn eine Anlageklasse stark von der Zielquote abweicht. Bei einem 70/30-Depot könnte man beispielsweise dann aktiv werden, wenn der Aktienanteil unter 65 Prozent oder über 75 Prozent liegt.
Fazit: Der norwegische Staatsfonds als Vorbild für dein ETF-Portfolio
Der norwegische Staatsfonds zeigt, dass erfolgreiches Investieren nicht kompliziert sein muss. Seine Grundprinzipien sind klar: weltweit diversifizieren, langfristig denken, Kosten tief halten, Risiken breit streuen und nicht jedem kurzfristigen Trend hinterherlaufen.
Für Privatanleger lässt sich diese Idee erstaunlich einfach umsetzen. Bereits ein Depot aus einem globalen Aktien-ETF und einem globalen Anleihen-ETF kommt der Grundstruktur sehr nahe. Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht die perfekte Nachbildung. Entscheidend ist die Haltung dahinter: breit investieren, lange investiert bleiben und die eigene Strategie auch dann durchhalten, wenn die Märkte vorübergehend unruhig werden.
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FAQ
Warum hat Norwegen den Staatsfonds gegründet?
Norwegen hat den Staatsfonds gegründet, um die Einnahmen aus Öl und Gas nicht sofort vollständig auszugeben, sondern langfristig für die Zukunft zu investieren. So soll der Reichtum aus den natürlichen Ressourcen auch kommenden Generationen zugutekommen.
Wie investiert der norwegische Staatsfonds?
Der norwegische Staatsfonds investiert weltweit in Aktien, Anleihen, Immobilien und erneuerbare Infrastruktur. Der grösste Teil des Fonds ist in globale Aktien investiert, ergänzt durch festverzinsliche Anlagen und kleinere Anteile an Immobilien und Infrastruktur.
Welche Rolle spielen Aktien im norwegischen Staatsfonds?
Aktien sind der wichtigste Renditetreiber des Fonds. Der Staatsfonds ist an Tausenden börsenkotierten Unternehmen weltweit beteiligt und profitiert dadurch breit von der globalen Wirtschaftsentwicklung.
Warum investiert der norwegische Staatsfonds auch in Anleihen?
Anleihen dienen als Stabilitätsbaustein. Sie erzielen langfristig meist geringere Renditen als Aktien, können aber helfen, das Gesamtrisiko des Portfolios zu reduzieren und starke Schwankungen abzufedern.
Was können Privatanleger vom norwegischen Staatsfonds lernen?
Privatanleger können vor allem lernen, dass erfolgreiches Investieren nicht kompliziert sein muss. Die wichtigsten Prinzipien sind globale Diversifikation, langfristiges Denken, tiefe Kosten, eine klare Strategie und regelmässiges Rebalancing.
Kann man den norwegischen Staatsfonds mit ETFs nachbauen?
Privatanleger können die Grundidee des norwegischen Staatsfonds mit wenigen ETFs annähernd nachbilden. Ein breit gestreuter Welt-ETF für den Aktienanteil und ein globaler Anleihen-ETF für den stabilisierenden Teil kommen der Grundstruktur bereits nahe.
Eignet sich ein 70/30 ETF-Portfolio für alle Anleger?
Nein. Ein Depot mit rund 70 Prozent Aktien und 30 Prozent Anleihen kann ein guter Ausgangspunkt sein, passt aber nicht zu jeder Person. Junge Anleger mit hoher Risikofähigkeit können einen höheren Aktienanteil wählen, während Anleger kurz vor der Pensionierung oft defensiver investieren sollten.


